Die Food-Pyramide wurde umgedreht – und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll
- kathrinlitzlbauer
- vor 11 Minuten
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Von Kathrin Litzlbauer, GAPS Coach & Mama eines Autisten
Es ist Mittwochmorgen. Ich scrolle durch meine Social-Media-Timeline und bleibe an einer Schlagzeile hängen: "USA veröffentlicht neue Ernährungsrichtlinien 2025-2030 – Die Food-Pyramide wurde umgedreht!"
Mein erster Gedanke: Endlich.
Mein zweiter Gedanke: Wirklich? Jetzt? Nach all den Jahren?
Und dann kommt die Wut. Die Trauer. Die Erschöpfung von Jahren des Rechtfertigens, des Erklärens, des Gegen-den-Strom-Schwimmens. Und auch Misstrauen – es klingt fast zu schön um wahr zu sein.
Jahre des Rechtfertigens
Ich erinnere mich an den Blick der Hortpädagogen, als ich ihnen vor Jahren erzählte, dass wir die GAPS-Diät für unseren autistischen Sohn machen. „Ob er davon nicht furchtbar abnehmen würde?“, war die erste Frage (und dabei muss ich wirklich lachen). Dieser Blick, der sagte: "Ach, eine von diesen Müttern, die es nicht gut sein lassen kann. Eine, die glaubt sie könnte etwas um Zustand ihres Kindes verändern."
Ich erinnere mich an die Diskussionen mit Schule und Hort. Alles wurde zum Problem gemacht. Denn wer glaubt, dass du als Mutter das Recht hast für die Ernährung deines Kindes Sorge zu tragen, hast du den österreichischen Rechtsstaat noch nicht erlebt. Dafür braucht es nämlich eine schriftliche Bestätigung vom Kinderarzt. Die „Expertin“ für mein Kind war ich immer nur so lange, so lange ich ins System gepasst habe. „Wie sollen wir den anderen Kindern erklären, dass er etwas anderes Essen darf?“ war noch die mildeste Diskussion der ich mich stellen musste. Als wäre es eine Laune von mir.
Ich erinnere mich an die gut gemeinten Ratschläge von Familie und Freunden: "Meinst du wirklich, dass das alles notwendig ist?“. „Ach, ein bisschen Zucker wird ihm schon nicht schaden! Schließlich braucht das Gehirn Zucker" – während ich zusah, wie mein Kind nach genau diesem "bisschen" Zucker für Tage aus seiner mühsam aufgebauten Regulation fiel oder für Minuten nicht mehr auf Ansprache reagierte.
Ich erinnere mich an die zahllosen Stunden, die ich damit verbracht habe, Studien zu wälzen, Fachbücher zu lesen, mich fortzubilden. Immer getrieben von der Frage: "Bin ich verrückt? Oder sehe ich etwas, was andere nicht sehen wollen?" Aber etwas in mir verstand. Etwas von mir erkannte: das ist nicht neu! Das ist altes tradiertes Wissen von Generationen von Menschen, die im Einklang mit der Natur lebten.
Und jetzt - nach all den Jahren der „Convenience-Food Propaganda“ – diese Neuausrichtung (oder Rückbesinnung; wie auch immer du es nennen möchtest).
Die neue Food-Pyramide: Was hat sich geändert?
Die USA – ausgerechnet das Land, das mit seinen Ernährungsrichtlinien der 1980er Jahre maßgeblich zur globalen Gesundheitskrise beigetragen hat – macht eine 180-Grad-Wende.
Die neue Pyramide steht buchstäblich auf dem Kopf:

Oben (= am wichtigsten):
Protein (1,2-1,6g pro kg Körpergewicht)
Gemüse und Obst
Gesunde Fette
Vollfett-Milchprodukte
Unten (= in Maßen):
Vollkorn (2-4 Portionen)
Komplett raus:
Hochverarbeitete Lebensmittel
Raffinierter Zucker
Süßstoffe
Zum ersten Mal in der Geschichte heißt es offiziell: "Meide hochverarbeitete Fertiggerichte, Chips, Süßigkeiten, Softdrinks."
Lies es nochmal! Meide. Nicht "in Maßen". Nicht "gelegentlich". Meide.
Genugtuung – und gleichzeitig Trauer
Ich sitze hier mit meinem Kaffee und fühle mich zerrissen.
Ein Teil von mir jubelt: Seht ihr? Ich hatte recht! Darmgesundheit IST wichtig! Echtes Essen IST die Basis! Zucker IST Gift!
Ein anderer Teil von mir weint: Warum hat das so lange gedauert? Wie viel Wissen wurde vernichtet? Wie vielen Kindern hätte man helfen können? Wie viele Familien mussten leiden, weil sie nach offiziellen Empfehlungen gehandelt haben? Weil man ihnen eingeredet hat, dass menschengeschaffenes, künstliches, Essen besser ist, als die Gaben von Mutter Natur. Der Mensch in seiner Paraderolle als Homos deus.
90% der US-Gesundheitskosten gehen für chronische Krankheiten drauf – die meisten davon ernährungsbedingt. Wie viele davon hätten verhindert werden können, wenn man 40 Jahre früher ehrlich gewesen wäre?
Aber – und jetzt wird's kritisch – was bedeutet das wirklich?
Ich bin GAPS Coach, Life Coach, Business Coach und Mentaltrainerin mit vielen Jahren Erfahrung in der Erkundung der menschlichen Psyche. Ich bin Mama eines autistischen und traumatisierten Kindes. Und ich bin auch Realistin.
Deshalb stelle ich mir folgende Fragen:

1. Ist das echte Veränderung oder geschicktes Marketing?
Die Lebensmittelindustrie ist eine Multi-Milliarden-Dollar-Maschinerie. Glaubt wirklich jemand, dass Nestlé, Coca-Cola, Mondelez & Co. einfach so ihre Geschäftsmodelle aufgeben?
Oder werden wir in ein paar Monaten "hochwertige" verarbeitete Produkte sehen, die sich als "vollwertig" tarnen? "Real Food Chips"? "Clean Label Cookies"? Der Wolf im Schafspelz?
2. Können wir die Welt mit Bio-Produkten ernähren?
Ich bin überzeugt davon, dass echtes Essen die Lösung ist. Aber ich bin auch ehrlich genug zu sagen: Die Umstellung eines ganzen Systems ist komplex.
Können wir 8 Milliarden Menschen mit regenerativer Landwirtschaft, Weidehaltung und Bio-Gemüse ernähren? Theoretisch ja – praktisch würde das eine Revolution unseres gesamten Landwirtschaftssystems bedeuten.
Und wer bezahlt das? Die Familie, die gerade so über die Runden kommt, kann sich keine Bio-Weidebutter für 6 Euro leisten.
3. Wird die Industrie das zulassen?
Ich erinnere mich an die Geschichte von Ancel Keys und seiner "Fett ist böse"-Kampagne der 1950er Jahre. Eine einzelne Studie – methodisch fragwürdig – hat die Ernährungslandschaft für 70 Jahre geprägt. Warum? Weil sie der Industrie nutzte. Plötzlich konnte man Fett durch billigen Zucker ersetzen und "fettreduzierte" Produkte als gesund verkaufen.
Die Zuckerindustrie hat jahrzehntelang Studien finanziert, die die Schädlichkeit von Zucker verschleierten. Wird sie jetzt einfach freiwillig das Feld räumen?
4. Was ist mit den Menschen, die kein Englisch sprechen?
Die neuen Guidelines sind auf Englisch. Sie kommen aus den USA. Aber was ist mit den Millionen Menschen weltweit, die von diesen Informationen nie erfahren werden? Die weiterhin die alten, krankmachenden Empfehlungen befolgen?
Meine Wahrheit als GAPS Coach
Nach all den Jahren der Arbeit mit Familien – Familien wie meiner, mit Kindern im Autismus-Spektrum, mit ADHS, mit Allergien, mit Verdauungsproblemen – weiß ich eines mit Sicherheit:
Echtes Essen heilt.
Nicht über Nacht. Nicht alleine. Aber es ist der kraftvollste Hebel, den wir haben.
Ich habe gesehen, wie nonverbale Kinder zu sprechen beginnen und schwere Autisten normale Schulen besuchen können. Ich habe gesehen, wie Ekzeme verschwinden. Ich habe gesehen, wie Familien aus der Hoffnungslosigkeit zurück ins Leben finden.
Nicht wegen irgendeiner Wunderpille. Nicht wegen einer neuartigen Therapie. Sondern weil sie ihrem Körper – und insbesondere ihrem Darm – gegeben haben, was er braucht: Nährstoffe. Echte, unverdorbene, nährstoffreiche Nahrung. Weil Mütter und Familien für ihre Kinder aufgestanden sind und alles gegeben haben.
Was bedeuten die neuen Guidelines für uns?
Für Familien wie meine:
Endlich Bestätigung. Endlich wissenschaftlicher Rückenwind. Endlich die Möglichkeit zu sagen: "Schau, selbst die offiziellen Richtlinien sagen jetzt, was ich seit Jahren tue."
Für Menschen, die neu anfangen:
Ein klarer Kompass. Keine Verwirrung mehr. Kein "Experte sagt dies, ein anderer sagt das". Sondern eine klare Linie: Echtes Essen. Punkt.
Für die Zukunft unserer Kinder:
Vielleicht – nur vielleicht – eine Chance. Eine Chance auf eine Generation, die nicht mit chronischen Krankheiten aufwächst. Eine Generation, die Essen wieder als Medizin begreift, nicht als Feind oder Trost.
Aber – und das ist mein größtes Aber
Richtlinien auf Papier ändern nichts, wenn sie nicht umgesetzt werden.
Was wir brauchen, ist:

1. Bildung ab dem Kindergarten Kinder müssen lernen, was echtes Essen ist. Nicht durch Frontalunterricht, sondern durch Erleben. Schulgärten. Kochkurse. Bauernhofbesuche. Und echtes (!) Essen sollte auch wieder Eingang in unser Schulsystem finden.
2. Politischer Wille Subventionen müssen umgelenkt werden. Weg von Mais und Soja für Tierfabriken. Hin zu regenerativer Landwirtschaft und Gemüseanbau.
3. Soziale Gerechtigkeit Gesundes Essen darf kein Luxus sein. Wir brauchen Systeme, die es auch einkommensschwachen Familien ermöglichen, sich gut zu ernähren. Bio-Produkte gehören subventioniert – sie müssen die Basis der verfügbaren Nahrung bilden.
4. Wachsamkeit gegenüber der Industrie Wir müssen genau hinschauen. Ist das "Clean Label"-Produkt wirklich clean? Oder nur clever vermarktet?
Mein Aufruf an dich
Wenn du diesen Artikel liest und denkst: "Endlich! Genau das sage ich seit Jahren!" – dann bist du nicht allein. Willkommen in meiner Welt.
Wenn du diesen Artikel liest und denkst: "Ach, das ist doch auch nur wieder so eine Marketingmasche.“ Dann informiere dich und lies gerne die Bücher von Dr.Natasha Campbell McBride. Sie werden dir ein neues Verständnis für Ernährung und gesundheitliche Zusammenhänge liefern.
Wenn du diesen Artikel liest und denkst: „Aber wie soll ich das machen?“, dann rate ich dir klein anzufangen.
Perfektion ist nicht das Ziel. Fortschritt ist das Ziel.
Du musst nicht von heute auf morgen alles ändern. Aber du kannst anfangen:
Ersetze ein verarbeitetes Produkt durch ein echtes.
Koche einmal pro Woche eine Fleischbrühe.
Kaufe Eier von glücklichen Hühnern statt aus Käfighaltung.
Lies Zutatenlisten.
Und vor allem: Gib nicht auf.
Die letzten 40 Jahre haben uns gelehrt, dass Veränderung Zeit braucht. Dass Wahrheit manchmal gegen mächtige Interessen kämpfen muss. Dass das Richtige nicht immer das Populäre ist.
Aber sie haben uns auch gelehrt: Wahrheit setzt sich durch. Irgendwann.
Mein Fazit
Die umgedrehte Food-Pyramide ist ein Meilenstein. Ein historischer Moment. Ein Zeichen, dass sich etwas bewegt.
Aber sie ist auch erst der Anfang.
Der wahre Wandel passiert nicht in Regierungsdokumenten. Er passiert in unseren Küchen. In unseren Familien. In den Entscheidungen, die wir täglich treffen.
Ich werde weiterhin Fleischbrühe kochen. Weiterhin fermentieren. Weiterhin GAPS-Familien begleiten. Nicht weil es jetzt "offiziell richtig" ist. Sondern weil ich gesehen habe, dass es funktioniert.
Und ich werde wachsam bleiben. Kritisch bleiben. Hinterfragen, ob diese Wende wirklich dem Wohl der Menschen dient – oder nur geschickt verpackten Unternehmensinteressen.
Denn eines habe ich in all den Jahren gelernt: Vertraue niemandem blind. Auch nicht den neuen Richtlinien. Vertraue deinem Körper. Vertraue deiner Intuition. Und vor allem: Vertraue echtem Essen.
Was denkst du? Bist du hoffnungsvoll oder skeptisch? Schreib mir deine Gedanken in den Kommentaren oder per E-Mail an kathrin@wunderkraft.at
Wenn du Unterstützung bei der Umstellung auf echtes Essen brauchst – ob mit GAPS oder einfach zurück zu den Basics – ich bin für dich da.
💚 Kathrin
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